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Theorien der Gender Studies

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Call-in-Culture

Diese Pageflow versammelt Texte und ergänzende Informationen aus der Geschlechterforschung und aus Queeren Theorien. Die Sammlung wird stets erweitert. Die Texte regen dazu an, sich näher mit diesem interdisziplinären Forschungsfeld auseinanderzusetzen.
Ebenso laden sie ein, sich zu fragen: Von welchem Standpunkt aus spreche ich? Wie nehme ich die Welt wahr?  Wie beeinflusst Macht und Sprache unsere Vorstellung von Geschlecht? Wie können wir diese Vorstellung erweitern und verändern?

Außerdem regt diese Pageflow zu Gesprächen an. Fragen, Lesetipps und weitere Informationen können diesen Prozess der Auseinandersetzung bei Bedarf begleiten. Für den gemeinsamen Austausch möchte ich mit Loretta J. Ross dazu ermutigen, eine Call-in-Culture auszugestalten.
In diesem Sinne wünsche ich anregende Impulse für Dialoge und Kontroversen vielfältigster Art,

    Marion Mangelsdorf
    – Fachvertreterin und Dozentin
    der Freiburger Gender Studies –




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Die hier versammelten Texte wurden in  unterschiedlichen historischen Kontexten verfasst. Die Wiedergabe der Zitate erfolgt im Original oder in deutscher Übersetzung. Aufgrund dessen lassen manche Texte aus heutiger Sicht eine gendergerechte Sprache vermissen.

Durch Informationen, die ältere Theorien in einen zeitgenössischen Kontext stellen, soll dem begegnet werden. Weitere Kontextualisierungen werden sukzessive hinzukommen, um den zeitgenössischen Diskurs dadurch weiter anzustoßen. An dieser Stelle sei betont: Geht es im Folgenden um 'Frauen' oder 'Männer' werden damit nicht Identitätszuschreibungen, sondern Kategorisierungen von Geschlechtern benannt. Diese Kategorisierungen werden in der Geschlechterforschung und in Queeren Theorien ebenso beschrieben wie auch kritisiert. Die Kritik setzt sich damit auseinander, inwiefern die dichotome Verwendung von Geschlechterkategorien wie 'Mann' und 'Frau' zur Diskriminierung dieser ebenso wie zur Diskriminierung weiterer Geschlechter beiträgt. Wie können wir Reifizierungen entgegen wirken, die nicht zuletzt  Persönlichkeitsrechten zuwiderläuft?


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Wer Anregungen, Kritik oder Ideen zu dieser Pageflow hat, kann sich gerne an Marion Mangelsdorf wenden. Bereits jetzt sind Tipps von Studierenden des Masterstudiengangs Gender Studies mit in die Pageflow eingeflossen. Auf diese Weise kann diese Theoriensammlung bereichert und den Bedürfnissen aller, die sie verwenden, angepasst werden.

Danke für's Mitgestalten!



Tipp zur Einübung von Neopronomen

Um zu üben, Menschen mit dem Pronomen anzusprechen, das sie für sich wählen, ist ein Quiz des Kölner Projekts Trans*sensibel & Fachstelle Queere Jugend empfehlenswert.
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Loretta J. Ross ist eine amerikanische Akademikerin, Feministin und Aktivistin, die sich für reproduktive Gerechtigkeit, insbesondere unter BIPoC*-Frauen, einsetzt. 


"In our society, call-outs have beco
me a way of life. They are generally done publicly, either in person or online. Extreme calling out is when a person or a group expresses their disagreement cruelly, sometimes grandstanding. (…)
Calling in is a technique that does allow all parties to move forward. It’s a concept created by human-rights practitioners to challenge the toxicity of call-out culture. Calling in is speaking up without tearing down."
         Loretta J. Ross 2019


* BIPoC ist eine Abkürzung für Black, Indigenous, People of Color.
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Loretta J. Ross: Don't call people out – call them in, TED-Talk 2022

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  • bedeutet, jemanden auf eine freundliche und unterstützende Weise anzusprechen, um Missverständnisse oder problematische Aussagen zu klären. Hilfreich dafür ist, zunächst einmal nachzufragen, ob eine Aussage richtig verstanden wurde.
  • Es fördert die persönliche Entwicklung und hilft den Betroffenen, aus ihren Fehlern zu lernen, ohne sie öffentlich zu beschämen.
  • Calling in steht einem calling out entgegen, bei dem der öffentliche Hinweis auf einen Fehler oft zu Scham und Ausgrenzung führt.
  • Grenzen des calling in sind dort zu ziehen, wo Menschen absichtlich verletzende Sprache verwenden.
Ziele der Calling-in-Culture
  • ist es, einen konstruktiven Dialog und eine Kultur des Lernens zu fördern, in der Fehler als Chancen zur Weiterentwicklung gesehen werden.
  • Es ermutigt zu einer respektvollen und empathischen Kommunikation.
  • Es fördert eine lehrreiche Kommunikation, die das Lernen und die persönliche Entwicklung in sozialen Gerechtigkeitsfragen unterstützt.
Calling-in-Culture ermöglicht vor im universitären Kontext, in dem weitestgehend hierarchische Strukturen vorherrschen, eine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Lehrenden und Lernenden sowie den Lernenden untereinander zu unterstützen. Auf diese Weise können vor allem Brave Spaces (Mut-Räume) ausgestaltet werden. Mut-Räume laden die Einzelnen dazu ein, in ihrer eigenen Art und ihrem eigenen Tempo für sich, ihre Argumente und ihre Anliegen einzustehen.  
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Yōko Tawada ist eine japanische Schriftstellerin, die in Berlin lebt und in japanischer sowie deutscher Sprache schreibt. In ihren Werken verflüssigt sie die Grenzen zwischen Belebtem und Unbelebtem, zwischen Eigenem und Fremdem. Außerdem überschreitet sie die scharfe Trennung von Geschlechterrollen. 


„In der Muttersprache sind die
Worte den Menschen angeheftet, so dass man selten spielerische Freude an der Sprache empfinden kann. Dort klammern sich die Gedanken so fest an die Worte, dass weder die ersteren noch die letzteren frei fliegen können. In einer Fremdsprache hat man aber so etwas wie einen Heftklammerentferner: Er entfernt alles, was sich aneinander heftet und sich festklammert.“ 

              
Yōko Tawada 1994

Würdest du auch gerne so manche Vorstellung von Geschlecht mit einem Heftklammerentferner aus deiner Vorstellung entfernen? Welche?
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Kübra Gümüşay ist eine Autorin und Netzaktivistin. Sie studierte Politikwissenschaften in Hamburg und an der School of Oriental and African Studies der Universität von London. Seit 2012 lebt sie in Oxford. Sie bezeichnet sich selbst als Deutschtürkin und Feministin.

In Ihrem Buch Sprache und Sein folgt sie der Sehnsucht nach einer Sprache, die Menschen nicht auf Kategorien reduziert, die sie in ihrem Facettenreichtum existieren lässt. In der hier verlinkten Leseprobe wird diese Sehnsucht anschaulich. Im Gespräch bei Sternstunde Philosophie unterstreicht sie ihre Gedanken für eine gelingendere öffentliche Kommunikation. Im Gespräch wird auch der Band von Thomas Bauer Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt erwähnt. Er ist sehr zu empfehlen!
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Wie geht öffentliche Kommunikation heute? | Im Gespräch | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur

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Chimamanda Ngozi Adichie ist eine nigerianische Schriftstellerin und Aktivistin. Ihr international rezipiertes Werk gilt als herausragendes Beispiel junger afrikanischer und feministischer dekolonialer Literatur. In diesem Zusammenhang ist vor allem ihr 2014 erschienenes Essay We Should All Be Feminists zu nennen. Das Essay geht auf einen TED-Talk zurück, der hier verlinkt ist.
Auf der rechten Seite findet sich ein weiterer TED-Talk, der für eine Auseinandersetzung mit (post-)kolonialen Themen wichtig ist und auf die in dieser Pageflow unter dem Terminus 'Kulturkolonialismus' noch näher eingegangen wird.
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Chimamanda Adichie: The danger of a single story, TED-Talk 2013

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Subjekt- & Identitätskritik

Die Auseinandersetzung mit der Postmoderne und dem Poststrukturalismus ist für die Geschlechterforschung der späten 1990er Jahre sehr entscheidend gewesen. Bis heute bilden diese Diskussionen eine wichtige Grundlage der Gender Studies. Der folgende Handbuchartikel geht auf die wesentlichen Aspekte beider philosophischer Strömungen sowie ihrer Einflüsse auf feministische Theorien ein.

Paula-Irene Villa (2008) Poststrukturalismus: Postmoderne + Poststrukturalismus = Postfeminismus? In: Becker, R., Kortendiek,B. (eds.) Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 262-266.

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Die Postmoderne ist
eine Zeitdiagnose.

„Waren in modernen Gesellschaften individuelle Identitäten, Biografien und soziale Stellungen mehr oder minder stark von strukturellen und institutionellen Vorgaben bestimmt (Beruf / soziale Lage, Familienstand, Wohnort, Religion, Geschlecht usw.), so sind diese inzwischen aufgrund von Individualisierungsprozessen (vgl. Beck/Beck-Gernsheim 1994) stärker individuell gestalt- und verhandelbar. Sinnstiftungs-, Deutungs- und symbolische Aushandlungsprozesse gewinnen gegenüber institutionell verankerten Traditionen und Zwängen an Bedeutung.“
         Paula-Irene Villa 2008, 262


Die Postmoderne ist
eine Erkenntnisweise.

Die Postmoderne übt „Kritik an einem universalisierenden Paradigma der Deutung von Geschichte oder Gesellschaft [...]: ‚ der Fortschritt‘, ‚die Rationalität‘, ‚die Vernunft‘ usw. werden als homogenisierende Abstraktionen kritisiert, die tatsächliche Vielfalt und Widersprüchlichkeit sozial-historischer Logiken unterschlagen.“

„Subjektkritisch ist postmodernes Denken im Sinne einer anti-ontologischen Sichtweise: Wer jemand ist (Identität), ist demnach keine Frage einer ‚Essenz‘, die sich im Laufe eines Lebens entweder entfaltet oder sich verfremdet, sondern vor allem eine Frage der wechselseitigen Beziehung zwischen (sozialen, ökonomischen, kulturellen) Kontexten und deren individueller Aneignung und Gestaltung.“

Die Postmoderne übt „Kritik an normativen Letztbegründungen, insbes. in politischer Hinsicht. Was emanzipatorisch oder herrschaftsstabilisierend, was befreiend bzw. entfremdend oder was eine feministische Utopie bzw. ein anti-feministischer ‚backlash‘ ist, lässt sich demnach nicht a priori sagen, lässt sich weder eindeutig noch an sich begründen.“
       Paula-Irene Villa 2008, 263–264

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Der Poststrukturalismus
befasst sich mit der symbolischen Ordnung von Sprache.

„Sprache ist [...] nicht Abbild einer gegebenen Wirklichkeit, sondern sinn- und damit ordnungsstiftend, d.h. welterzeugend.“ [...] Das bedeutet, „auch Feministinnen sind durch diejenigen Diskurse konstituiert, die sie überwinden wollen und von denen sie sich bisweilen gedanklich und praxeologisch weit entfernt wähnen.“

      Paula-Irene Villa Braslavsky, 2008, 265


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Paula-Irene Villa Braslavsky ist eine deutsch-argentinisch-chilenische Soziologin. Sie ist Lehrstuhlinhaberin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies am Institut für Soziologie der Universität München.

In dem hier verlinkten Interview stellt sie sich Fragen zum Fach und derzeit wichtigen Kontroversen der Gender Studies.
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Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky über Gender Studies - Jung & Naiv: Folge 737

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Eine kritische Beschäftigung mit dem Subjekt- und Identitätsbegriff, wie sie in philosophischen Diskursen der 1990er Jahren  geführt wurde, hat auch die Geschlechterforschung maßgeblich geprägt.
Der 1993 veröffentlichte Streit um Differenz hat in diesem Zusammenhang besonders große Aufmerksamkeit erfahren.
An dieser Stelle liegt der Fokus auf zwei sich wiederstreitenden Positionen: Zum einen geht es um die von poststrukturalistischen Ansätzen geprägte Position Judith Butlers und zum anderen um die feministische Kritik an der Postmoderne, wie sie Seyla Benhabib formuliert.

Literatur
Judith Butler, Seyla Benhabib, Nancy Fraser und Drucilla Cornell (1993) Der Streit um Differenz. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart (Kap. von Butler und Benhabib). Ffm: Suhrkamp, 9–104.


Literaturtipps zur Weiterführung des Streits um Differenz 
  • Petra Klug (2013). Der neue Streit um Differenz? (Queer-)feministische Perspektiven auf Islam und Geschlechterordnung. In: Femina Politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, 22(2), 114-123.

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Judith Butler hat den Lehrstuhl für Rhetorik und Komparatistik an der University of California, Berkeley inne. Butlers einflussreiche sozialwissenschaftlich-philosophischen Arbeiten stehen in der Tradition des Poststrukturalismus und der Queerer Theorien. Das verlinkte Video bringt in wenigen Worten ihren Ansatz, dass Geschlecht performativ hergestellt wird, zum Ausdruck. Weiterhin sind im Folgenden ihre wichtigsten Positionen aus dem Streit um Differenz aufgeführt:

Kein Subjekt ist sein eigener Ausgangspunkt.
Die Phantasie, die es zu einem solchen erklärt, kann ihre konstitutiven Beziehungen nur verleugnen, indem sie sie zum entgegengesetzten Gebiet reiner Äußerlichkeit umformt. An dieser Stelle sei auf die These von Luce Irigaray verwiesen, daß das Subjekt, verstanden als Phantasie der Autogenese, immer schon männlich ist. [...] Die Kritik des Subjekts beinhaltet keine Verneinung oder Nichtanerkennung des Subjekts, sondern eher eine Infragestellung seiner Konstruktion als vorgegebene oder normativ als Grundlage dienende (foundationalist) Prämisse.“
        Judith Butler 1993, 40–41
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Judith Butler: Gender is performed | Big Think

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Empfehlenswertes Comic vom Wilhelm Fink Verlag zum Einstieg in Judith Butler's Theorie. Das Heft befindet sich im Präsenzbestad des ZAG.
Empfehlenswertes Comic vom Wilhelm Fink Verlag zum Einstieg in Judith Butler's Theorie. Das Heft befindet sich im Präsenzbestad des ZAG.
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Judith Butler formuliert eine grundsätzliche Subjekt- und Identitätskritik. Identitätsbeschreibungen versteht they nicht nur als deskripiv, sondern immer auch als normativ und ausschließend.

They schreibt: „Das Subjekt, das Theorien ausbildet, wird als ’theoretisierendes Subjekt’ durch eine Reihe von Ausschließungs- und Auswahlverfahren konstituiert. Denn, wer konstituiert sich als feministische Theoretikerin, deren Vorschlag, die Diskussion zu strukturieren, öffentlichen Erfolg haben wird? Ist nicht die Macht immer schon vorweg gerade in den Verfahrensweisen wirksam, die festlegen, wer das Subjekt ist, das im Namen des Feminismus spricht und zu wem es spricht? Und ist nicht auch klar, daß der Prozeß der Subjektivierung (subjectivating process), der gleichsam vor Ihren Augen ein sprechendes Subjekt der feministischen Debatte hervorbringt, einen Prozeß der Unterwerfung (subjection) voraussetzt?

Was spricht, wenn ‚ich‘ zu Ihnen spreche?

Welches sind die institutionellen Geschichten von Unterwerfung (siebjection) und Subjektivierung (subjectivation), die mich hier und jetzt in eine Position stellen? Wenn es so etwas wie die ‚Position von Butler‘ gibt, handelt es sich dann um eine Position, die ich mir ausdenke, veröffentliche und verteidige und die mir als ein akademisches Eigentum gehört? Oder werden wir nicht lediglich durch eine Grammatik des Subjekts dazu ermun-tert, mich·als Eigentümerin dieser Theorien hinzustellen?“
             Judith Butler 1993, 39–40



Empfehlenswertes Comic vom Wilhelm Fink Verlag zum Einstieg in Judith Butler's Theorie. Das Heft befindet sich im Präsenzbestad des ZAG.
Empfehlenswertes Comic vom Wilhelm Fink Verlag zum Einstieg in Judith Butler's Theorie. Das Heft befindet sich im Präsenzbestad des ZAG.
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Judith Butler schließt an Michel Foucault’s Subjektkritik an, die u.a. in seinem viel zitierten Satz zum Ausdruck kommt:


„Der Mensch ist eine Erfindung, deren junges Datum
die Archäologie unseres Denkens ganz offen zeigt. Vielleicht auch das baldige Ende. [...] Man [kann] sehr wohl wetten, dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“

    
Michel Foucault (1974), Die Ordnung 
    der Dinge, Ffm: Suhrkamp, 462.



Mit diesem Satz verweist Foucault darauf, dass das Konzept des ‚Menschen’ als einem universellen Subjekt der Erkenntnis erst in der Neuzeit, etwa seit dem 18. Jahrhundert, in den Wissenschaften – insbesondere in der Biologie, Ökonomie und Linguistik – entstand ist. Seiner Ansicht nach wird dieses Konzept des Menschen nicht allzu lange Bestand haben. Posthumanistische Debatten, wie sie in dieser Pageflow an anderer Stelle auch noch zur Sprache kommen, unterstreichen Foucaults 'Verdacht'.

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In dem hier verlinkten Gespräch gehen die beiden Theoretiker*innen Queerer Theorie auf Judith Butler's 2025 veröffentlichtes und vieldiskutiertes Essay Who's afraid of Gender? näher ein. 
Jack Halberstam's Publikation Female Masculinity (2019) gehört ebenfalls zu einem Grundlagenwerk der Geschlechterforschung.  
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Who's Afraid of Gender? Judith Butler and Jack Halberstam in Conversation

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Seya Benhabib ist eine emeritierte US-amerikanisch-türkische Professorin für Politische Theorie und PolitischePhilosophie an der Yale University. Ihre Themengebiete sind feministische und Kritische Theorie. Nach ihrer Emeritierung ist sie weiter als Senior Research Scholar an der Columbia Law School aktiv. In dem verlinkten Interview geht sie u.a. auf die Bedeutung des "Streits um Differenz" für die feministische Theorie der 1990er Jahre ein und wie sie dazu heute steht. Im Weiteren sind hier wichtige Zitate, die ihre Position in diesem Streit widerspiegeln, aufgeführt: 

„Tatsächlich stellt sich die Frage, wie denn das Projekt weiblicher Emanzipation ohne ein [...] regulatives Prinzip der Handlungsfähigkeit, der Autonomie und der Ichidentität überhaupt denkbar wäre.“
    Seyla Benhabib 1993, 14
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Gespräch mit der Hannah-Arendt-Preisträgerin Seyla Benhabib, Heinrich-Böll-Stiftung 2026

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Im abgebildeten Philosophie Magazin (2025) findet sich ein Artikel von Seyla Benhabib: „Von Arendt lässt sich lernen, wie man über Politik noch mit Hoffnung nachdenken kann“
Im abgebildeten Philosophie Magazin (2025) findet sich ein Artikel von Seyla Benhabib: „Von Arendt lässt sich lernen, wie man über Politik noch mit Hoffnung nachdenken kann“
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Seyla Benhabib hält am Subjektbegriff fest, formuliert aber eine feministische Subjekt- und Identitätskritik. Sie spricht von einer starken und einer schwachen These vom ‚Tod des Subjekts‘, wobei sie selber die schwache These vertritt.


Die starke (postmoderne) These vom ‚Tod des Subjekts‘


„Die postmodernen Denker möchten allen essentialistischen Auffassungen vom Menschen oder der Natur zerstören [...] Tatsächlich ist der Mensch ein gesellschaftliches, geschichtliches oder sprachliches Artefakt und kein noumenales oder transzendentales Wesen [...] Der Mensch ist für immer im Gewebeder fiktiven Bedeutung gefangen, in der Kette der Bezeichnung, in der das Subjekt nur eine weitere Position in der Sprache darstellt.“
     Seyla Benhabib 1993, 10


Die schwache, von Seyla Benhabib selbst vertretene These vom ‚Tod des Subjekts‘

„Die von postmodernen TheoretikerInnen fomulierten Positionen kann man zugestehen und dennoch gilt auch weiterhin, dass wir nicht bloß eine Verlängerung unserer Lebensgeschichte sind, sondern uns vielmehr gegenüber unserer Lebensgeschichte in der Position des Autors und des Darstellers befinden. Das situierte, geschlechtlich bestimmte Subjekt strebt auch dann noch nach Autonomie, wenn es heteronom* ist.“
    Seyla Benhabib 1993, 14

* Heteronomie bezieht sich auf die Abhängigkeit von äußeren Einflüssen oder Autoritäten, um Entscheidungen zu treffen oder Handlungen auszuführen. Das Gegenteil wäre Autonomie, wo Menschen aus eigenen Überzeugungen und Prinzipien handeln.



Im abgebildeten Philosophie Magazin (2025) findet sich ein Artikel von Seyla Benhabib: „Von Arendt lässt sich lernen, wie man über Politik noch mit Hoffnung nachdenken kann“
Im abgebildeten Philosophie Magazin (2025) findet sich ein Artikel von Seyla Benhabib: „Von Arendt lässt sich lernen, wie man über Politik noch mit Hoffnung nachdenken kann“
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Seyla Benhabib schließt sich mit ihrer Position grundsätzlich der Subjektkritik der Kritischen Theorie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer an, die geschrieben haben:


„Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“
   
   Theodor W. Adorno und Max Horkheimer,
   Dialektik der Aufklärung, Ffm: Suhrkamp 1987, 56.
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Mithilfe eines weiteren poststrukturalistischen Ansatzes geht es um die Frage, wie angesichts der zuvor formulierten Subjekt- und Identitätskritik die eigene Stimme erhoben und wie gängige Formen der Geschlechter(re)präsentationen dekonstruiert werden können.

Literatur
Hélène Cixous (1977) „Geschlecht oder Kopf?“ In: Diess. Die unendliche Zirkulation des Begehrens, Berlin: Merve,15–45.

Literaturtipp
Die ‚écriture féminine‘, Paper von Uta Caroline Sommer und Kim Holtmann, Humboldt Universität Berlin 2016.
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Hélène Cixous ist eine französische Philosophin, Schriftstellerin und Literaturkritikerin. Die emeritierte Professorin an der Universität Paris gilt als wichtige Theoretikerin des feministischen Poststrukturalismus.


Buchtipp
In dem Buch Schule des Südens. Die kolonialen Wurzeln der französischen Theorie (2024) von Onur Erdur finden sich u.a. über Hélène Cixous und Jacques Derrida, aber auch über Michel Foucault und Pierre Bourdieu interessante biografische Hinweise, die vor allem Aufschluss über die kolonialen Wurzeln ihres Lebens und Lebenswerks geben.

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Die Frau ist undefiniert und passiv.
„Wenn man die Frau sucht [...] sie werden sie im Bett finden [...]“
   Hélène Cixous 1977, 105

„In Grenzfällen fragen sich Frauen, ob sie existieren.“
„Sie vermag nicht, hat keine Macht [...] vom ‚sagen‘ sprechen wir gar nicht erst [...] kein Genuß, kein Wollen: Macht, Wollen, Sagen, Genießen, all das gibt es nicht für die Frau.“
   Hélène Cixous 1977, 107-108


Die Frau ist abhängig vom Mann, der definiert, aktiv und produktiv ist
[...] und ohne den Mann wär sie also dieses unsexualisierte Wesen, undefiniert und undefinierbar, das sich nicht kennt [...] sie einweist, dadurch, daß er sie lehrt, was sie ohne den Mann ‚mißverstehen‘ könnte.“
„[...] daß der Mann auf eine sehr aktive Weise damit beschäftigt ist, ‚seine Frau’ zu produzieren.“
   Hélène Cixous 1977, 108-109


„Man [muss] sich mit dem Paar beschäftigen, wenn man die Kultur dekonstruieren und transformieren möchte.“
   
Hélène Cixous 1977, 106

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In dem abgebildeten Philosophie Magazin (2025) spricht Hengameh Yaghoobifarah darüber, wie das Konzept der 'écriture féminine' queerem Begehren Gehör verschaffen kann.
In dem abgebildeten Philosophie Magazin (2025) spricht Hengameh Yaghoobifarah darüber, wie das Konzept der 'écriture féminine' queerem Begehren Gehör verschaffen kann.
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Um die Dekonstruktion der Dichotomie Mann-Frau, die Dekonstruktion des Paares voranzutreiben, gilt es für Hélène Cixous:

„sich nicht [...] einreden [zu] lassen, daß die Frauen gemacht sind um zuzuhören, um zu glauben und um nichts zu erfinden. Sie müßten es wagen zu sagen, was sie zu sagen hat über die Gabe, über eine gewisse Möglichkeit zu geben, die keine Gabe wäre, die nimmt, sondern eine Gabe, die gibt.
   “Hélène Cixous 1977, 111


Lässt sich weibliches Schrei
ben auch als queeres Schreiben begreifen?

„Wenn eine Frau in der Nicht-Repression schreibt, lässt sie ihre Anderen hervortreten, ihre Menge von Nicht-Ich/s, auf eine Weise, die den Rahmen der familiären Struktur zerstört, [...] es kann sich nicht mehr denken in Begriffen der Rollenzuteilung [...], was geschieht, ist eine unendliche Zirkulation des Begehrens [...], über oder quer durch die sexuelle Differenz, aber ohne die Zusammenhänge von Macht und Generation [...].“ Das „[...] Risiko des Unberechenbaren: [...] man kann einen weiblichen Text nicht voraussagen [...] er ist also sehr verwirrend. Er ist nicht antizipierbar.“
   Hélène Cixous 1977, 113

In dem abgebildeten Philosophie Magazin (2025) spricht Hengameh Yaghoobifarah darüber, wie das Konzept der 'écriture féminine' queerem Begehren Gehör verschaffen kann.
In dem abgebildeten Philosophie Magazin (2025) spricht Hengameh Yaghoobifarah darüber, wie das Konzept der 'écriture féminine' queerem Begehren Gehör verschaffen kann.
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Männlichkeit – Weiblichkeit?

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In den 1990er Jahren entwickelte sich ebenfalls die Kritische Männlichkeitsforschung. Zentral stand die Frage: Was bedeutet es von ‚hegemonialer Männlichkeit‘ zu sprechen? Wie gestaltet sie sich aus? Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns in Anschluss an Raewyn Connell. Um diese Fragen auch an zeitgenössische Diskurse anzuschließen, befassen wir uns zudem mit der Frage, wie sinnvoll es ist, der zumeist als Fremdzuschreibung verstandenen Bezeichnung ‚toxische Männlichkeit‘ die Selbstzuschreibung ‚toxische Weiblichkeit‘ gegenüber zu stellen? Außerdem verweist das hier verlinkte Video auf einen Dokumentarfilm, der sich mit dem Thema Männlichkeit, Sexualität und Übergriff auf differenzierte Weise auseinandersetzt und unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen lässt. Wenden wir uns aber zunächst einem Klassiker der Kritischen Männerforschung zu: 

R. W. Connell
(2012) [1995] „Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeit", in: Franziska Bergmann, Franziska Schössler, Bettina Schenk: Gender Studies, Bielefeld: transcript,157–173.

Weiterführend
R. W. Connell und James W. Messerschmidt (2005) Hegemonic Masculinity. Rethinking the Concept. Gender & Society, Vol. 19 No. 6, 829-859.


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Dokumentarfilmtipp: Das starke Geschlecht (2021) von Jonas Rothlaender

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Raewyn Connell ist eine australische Soziologin und Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Sydney. Sie verwendet Theorien der feministischen Geschlechter-forschung, um die Situation von Männern in der Gesellschaft zu analysieren.

Connell ist transgeschlechtlich und durchlief erst spät in ihrem Leben ihre Transition zur Frau. Sie setzte sich mit dem Thema Transgeschlechtlichkeit auch in einigen wissenschaftlichen Publikationen auseinander. In dem hier verlinkten Gespräch geht sie auf das Thema Geschlecht und Macht im Kontext von sozialer Arbeit ein. Dabei geht es darum, was ihre Theorien für die Praxis bedeuten.

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Gender and Power! Disskussion zum Vortrag von Prof. Raewyn Connell, 2022

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Der Einstieg in Connell’s Text erinnert daran, wie Cixous darauf verweist, dass Mann und Frau kulturell als sich gegenseitig konstituierendes Paar heteronormativ konstruiert wurden und werden:

„Das Konzept ‚Männlichkeit‘ „weist eine innere Relationalität auf. Ohne den Kontrastbegriff ‚Weiblichkeit‘ existiert ‚Männlichkeit‘ nicht. Eine Kultur, die Frauen und Männer nicht als Träger und Trägerinnen polarisierter Charaktereigenschaften betrachtet, zumindest prinzipiell, hat kein Konzept von Männlichkeit im Sinne der modernen westlichen Kultur.“
    Raewyn Connell 2012, 157-158

Connell betont jedoch, dass das Entscheidende die Prozesshafttigkeit in der konfiguierenden Praxis von Männlichkeit versus Weiblichkeit ist.
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„Hegemoniale Männlichkeit kann man als jene Konfiguration geschlechterbezogener Praxis definieren, welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimationsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet (oder gewährleisten soll).“
    Raewyn Connell 2012, 167
„In der hegemonialen Männlichkeit ist eine ‚derzeitig akzeptierte’ Strategie verkörpert. Sobald sich die Bedingungen für die Verteidigung des Patriarchats verändern, wird dadurch auch die Basis für die Vorherrschaft einer bestimmten Männlichkeit ausgehöhlt. Die Vorherrschaft jeder Gruppe von Männern kann von den Frauen herausgefordert werden. Hegemonie ist deshalb eine historisch bewegliche Relation.“
    Raewyn Connell 2012, 167-168

Connell schreibt: „Sobald wir eine dynamische Sicht der Organisation von Praxis eingenommen haben, verstehen wir Männlichkeit und Weiblichkeit als Geschlechterprojekte, als Prozesse der konfigurierenden Praxis in der Zeit, die ihren Ausgangspunkt in den Geschlechterstrukturen transformieren.“   
    RaewynConnell 2012, 162
„Jede Form von Männlichkeit (als Konfiguration von Praxis) ist gleichzeitig in einer Reihe von Beziehungsstrukturen verortet, die durchaus unterschiedlichen historischen Entwicklungslinien folgen können. Dementsprechend ist Männlichkeit, ebenso wie Weiblichkeit, internen Widersprüchen und historischen Brüchen ausgesetzt.“
    Raewyn Connell 2012, 163

Hegemoniale Männlichkeit geht einher mit weiteren Formen der Männlichkeiten: Untergeordneter (bspw. schwule Männer) und maginalisierter Männlichkeit (Männlichkeit etwa von BIPoC). Außerdem produziert die hegemoniale Männlichkeit Komplizenschaft.

„Als komplizenhaft verstehen wir in diesem Sinne Männlichkeiten, die zwar die patriarchale Dividende bekommen, sich aber nicht den Spannungen und Risiken an der vordersten Frontlinie des Patriarchats aussetzen.“
    Raewyn Connell2012, 169
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Literatur
Um aktuelle Diskussionen aufzugreifen, ist die Leseprobe des Buchs von Sophia Fritz zu empfehlen: Toxische Weiblichkeit. Für ein neues feministisches Miteinander (2024), Berlin: Carl Hanser Verlag.

Connell selber spricht konträr zum Begriff der 'hegemonialen Männlichkeit’ von ‚betonter Weiblichkeit' – 'emphasized femininity‘. Mit dem Terminus ‚toxische Weiblichkeit‘ hingegen geht Sophia Fritz darauf ein, inwiefern die patriarchalen Strukturen Verhaltensweisen nicht nur bei männlich, sondern auch weiblich sozialisierten Menschen hervorbringen, die als vergiftend in der Verbindung zu sich selbst als auch zu anderen begriffen werden können.
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Sophia Fritz ist Autorin und derzeit Studentin an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, Hauptstudium Drehbuch.


„Etwas fühlt sich falsch an: 
Wenn wir lächeln, obwohl wir eigentlich streiten möchten.Wenn wir unsere Freundinnen ghosten, weil wir Konfrontation fürchten und Konflikte vermeiden wollen. Wenn wir uns für Feminismus einsetzen, aber anderen Frauen* nicht vertrauen und instinktiv nach ihren Fehlern und Schwächen suchen. Was lauert da in uns weiblich sozialisierten Menschen, dass wir uns immer wieder gegen uns selbst und andere richten?
    Sophia Fritz 2024
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Sophia Fritz über toxische Weiblichkeit, Tantra, Nein-Sagen – 2025

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Geschlecht als Kontinuum

Nach der Beschäftigung mit der (ermüdenden) Geschlechterdichotomie schwenken wir nun den Blick auf ein Konzept, das sich vom Zweigeschlechtermodell abzuwenden versucht: Wir wenden uns ‚Geschlecht als Kontinuum‘ zu.


Literatur
Christel Baltes-Löhr (2023) „Geschlecht als Kontinuum: vier Dimensionen und ein Abschied“, in: Diess. Geschlecht als Kontinuum, Bielefeld: transcript, 73–117.
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Christel Baltes-Löhr ist Professor*in Emerita an derUniversität Luxemburg. Ehem. Gleichstellungsbeauftragte an der Universität. 2004-2018 Teil der EU-Helsinki Group on Gender in Research und Innovation. Bis 2018 Mitglied im European Institute for Gender Equality. Forschungsschwerpunkte: Pluralität, Migration, Geschlecht, Kontinuum, Nicht-Binarität und Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit. In der ARD-Mediathek findet sich ein Interview mit Baltes-Löhr (2025),  die hier verlinkt, aber nicht eingebettet werden kann.
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Was ermöglicht das Konzept ‚Gender-Kontinuum‘?

1. „das Aufbrechen traditioneller, binär verfasster Vorstellungen von zwei getrennten und zeitlebens statischen, als unaustauschbar geltenden Geschlechterpolen und vermeidet,
2.1. dass neue binäre Polarisierungen wie z.B. zwischen Trans* versus Inter* konstruiert werden. [sowie]
2.2. neue binäre Polarisierungen, wie z.B. zwischen Cis*-weiblich/Cis*-männlich versus alle anderen sogenannten Diversen. 

Geschlecht als Kontinuum eröffnet,
3. eine Sicht auf Normativität und damit auf Normalität, die deutlich macht, dass es nicht die trans*-, inter*-, a*-geschlechtlichen Personen sind, die vermeintlich ‚nicht passen‘, sondern dass die binäre Ordnung zusammen mit ihren kategorialen Vorstellungen fehler- und lückenhaft daherkommt. 

Geschlecht als Kontinuum ermöglicht,
4. dass Verbindungslinien zwischen vermeintlichen Widersprüchen und Gegensätzen zwischen jedweden Geschlechtern zusammengedacht werden können und sich nicht mehr der Logik eines Entweder-oder beugen müssen; ein Sowohl-als-auch ist ebenso mit der Figur des Kontinuums zu fassen wie ein Weder-noch.
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Die Figur des Kontinuums ermöglicht
5. das Aufbrechen nicht nachweisbarer Kausalitätsannahmen zwischen Körper und Gefühl, Körper und Verhalten, Körper und Begehren, Gefühl und Verhalten, Gefühl und Begehren und jeweils umgekehrt; simplifizierende Logiken eines Wenn-dann sind aufgehoben. 

Geschlecht als Kontinuum bietet
6. Raum für Selbstbestimmung und deren vielfältige Ergebnisse, ohne Vielfalt als spielerische Beliebigkeit zu diskreditieren. 

Geschlecht als Kontinuum ermöglicht,
7. die Verhältnisse, Beziehungen, Interdependenzen zwischen Körper/Materie, Gefühl, Verhalten und Begehren als ambigue zu denken, zu spüren, zu lassen und gestalten zu können und damit einen neuen Umgang mit Kontingenz aufzuweisen.

Und nicht zuletzt ermöglicht Geschlecht als Kontinuum,
8. den Blick auf Intersektionalität zu erweitern, wenn Geschlecht ebenso wie race und class oder welche Sektionen auch immer, stets zusammen mit den vier Dimensionen des Kontinuums – physisch (Körper/Materie), psychisch (Kognition/Gefühle), sozial (Verhalten) und sexuell (Begehren) – gedacht werden.“
    Christel Baltes-Löhr 2023, 75-81
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Was bedeutet Gender-Kontinuum hinsichtlich der folgenden vier Dimensionen?


1. physisch – Körperliche Dimension von Geschlecht als Kontinuum
„Das sogenannte biologische Geschlecht ‚sex‘ ist nicht als eindeutig zu definieren.“
    Christel Baltes-Löhr 2023, 83

2. psychisch – Gefühlte Dimension von Geschlecht als Kontinuum
„Zuschreibungen und Empfindungen und mit stereotypisierenden Füllungen aufgeladene Kategorien ‚weiblich‘ und ‚männlich‘ stimmen in der scheinbaren Eindeutigkeit der stereotypisierenden Darstellung für keines der beiden Geschlechter. Ein Überblick über die psychologische Forschung zu vermeintlichen Unterschieden zwischen Frauen und Männern führt eigentlich nur zu dem Ergebnis, dass es keine Klarheit gibt.“
    Christel Baltes-Löhr 2023, 93

3. Soziale Dimension von Geschlecht als Kontinuum
„Menschen jedweden Geschlechts können: emotional, rational, passiv, aktiv, einfühlsam, hart, weich, stark, der Natur und der Kultur verbunden, körperbezogen, intellektuell, abhängig, autonom, bindungsfähig, bindungsunfähig etc. werden, wenn Gesellschaften und damit wir alle hierfür Räume eröffnen bzw. nicht verschließen und Anerkennung zollen.“
    Christel Baltes-Löhr 2023, 104

4. Sexuelle Dimension von Geschlecht als Kontinuum
„Sexuelles Begehren und sexuelle Orientierungen können nicht mehr mit einer binären heterosexuellen Matrix abgebildet werden.“
    Christel Baltes-Löhr 2023, 113
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Daphne Joel ist eine israelische Neurowissenschaftlerin und entwickelte das Konzept des Geschlechter-Mosaiks. Es ist ebenfalls von dem Versuch geprägt, A future with no gender zu ermöglichen, wie ihr gleichnamiger TED-Talk  lautet. Auf ihrer Website lässt sich das eigene Geschlechter Mosaik über einen Fragenkatalog erstellen.


Tipp

NeuroGenderings Network.
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A Future with No Gender | Daphna Joel | TEDxVerbier 2023

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Posthumane Performativität

"All bodies, not merely ‘human' bodies, come to matter throught the world's iterative intra-activity –  its performativity.“
   
Karen Barad 2003, 208


In die Reihe derjenigen, die an der Auflösung der Geschlechterdichotomien forschen, zählt auch Karen Barad als Physiker*in und Science and Technology Studies (STS)-Forschende*. Karen Barad spricht von einem Agentiellen Realismus. – Was bedeutet das für unsere Vorstellung von Geschlecht?


Literatur
Karen Barad (2003) Posthumanist Performativity: Toward an Understanding of How Matter Comes to Matter, Signs, Vol. 28,No. 3, Gender and Science: New Issues, 801–831.

Unterstützende Lektüre
Sigrid Schmitz (2014) Karen Barad: Agentieller Realismus als Rahmenwerk für die Science & Technology Studies. In: Lengersdorf, D., Wieser, M. (eds.) Schlüsselwerke der Science & Technology Studies. Springer VS, Wiesbaden, 279–291


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Karen Barad ist Hochschullehrperson für Feministische Studien, Philosophie und Geistesgeschichte an der University of California, Santa Cruz (Nachfolge von Donna J. Haraway). Nach der Promotion zur theoretischen Teilchenphysik wendete sich Barad interdisziplinären Studien zu: Feministische Theorien, der theoretischen Physik, Philosophie der Physik, Quantenmechanik, Epistemologie, Ontologie, Cultural Studies of Science und Feminist Science Studies.

In dem hier verlinkten Video spricht Karen Barad über their Verständnis über die Verbindung von Quantenphysik, Philosophie und politischer Theorie.
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Karen Barad: On Touching the Stranger Within – The Alterity that Therefore I Am, 2025

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Performativität versus Repräsentation

"Representationalism has received significant challenge from feminists, poststructuralists, postcolonial critics, and queer theorists. The names of Michel Foucault and Judith Butler are frequently associated with such questioning. (…) Representationalism is so deeply entrenched within Western culture that it has taken on a commonsense appeal. It seems inescapable, if not down right natural. But representationalisrn (like 'nature itself’, not rnerely our representations of it!) has a history.“
    Karen Barad 2003, 190

"If performativity is linked not only to the formation of the subject but also to the production of the matter of bodies, as Butler' s account of 'materialization' and Haraway's notion of 'materialized refiguration' suggest, then it is all the more important that we understand the nature of this production. Foucault's analytic of power links discursive practices to the materiality of the body. However, his account is constrained by several important factors that severely limit the potential of his analysis and Butler's performative elaboration, thereby forestalling an understanding of precisely how discursive practices produce material bodies.“
    Karen Barad 2003, 194

"Representationalism separates the world into the ontologically disjoint domains of words and things, leaving itself with the dilemma of their linkage such that knowledge is possible. If words are untethered from the material world, how do representations gain a foothold?“
    Karen Barad 2003, 191–192

"On an agential realist account, discursive practices are specific material (re)configurings of the world through which local determinations of boundaries, properties, and meanings are differentially enacted. That is, discursive practices are ongoing agential intraactions of the world through which local determinacy is enacted within the phenomena produced. Discursive practices are causal intra-actions – they enact local causal structures through which one 'component' (the 'effect') of the phenomenon is marked by another 'component' (the 'cause') in their differential articulation. Meaning is not a property of individual words or groups of words but anongoing performanceof the world in its differential intelligibility.“
    Karen Barad 2003, 205–206
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In dem hier verwiesenen Band (2013) findet eine Auseinandersetzung mit Barad's Theorie statt. Das Buch befindet sich im Präsenzbestand des ZAG.
In dem hier verwiesenen Band (2013) findet eine Auseinandersetzung mit Barad's Theorie statt. Das Buch befindet sich im Präsenzbestand des ZAG.
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Sigrid Schmitz
streicht folgende Punkte bei Karen Barad besonders heraus:

"In 'Meeting the Universe Halfway’ (2007) schlägt Barad eine Interpretation der Quantenphysik vor, die nicht nur die Grenzen von Physik und Philosophie überschreitet und Dualismen von menschlich/nicht-menschlich, Geist/Materie,Natur/Kultur hinterfragt, sondern auch Fragen nach dem konstitutiven Verhältnis von Subjekten und Objekten des Wissens in einen neuen Kontext stellt.“
    Sigrid Schmitz2014, 279

Der Ausgangspunkt der baradschen Konzeption des Agentiellen Realismus, also einer wirkmächtigen Realität, ist das Bestreben, Materie und materielle Körper als relevante Beteiligte kritisch in den feministischen Diskurs zurückzuholen."  
    Sigrid Schmitz 2014, 283

"Agency* ist demzufolge nicht als eine Eigenschaft zu verstehen, die menschliche oder auch nicht-menschliche Entitäten besitzen können, sondern als ein Tun (doing), also als eine Tätigkeit, oder anders gesagt als eine wirkungsmächtige Praxis. (...) Ins Zentrum des Agentiellen Realismus stellt Barad den Begriff der Intra-Aktion (intra-action): ein, in Abgrenzung zum Begriff der Inter-Aktion verfasster Neologismus. Statt auf interagierende Akteure zu fokussieren (wie z. B. Latour in seiner Akteur-Netzwerk-Theorie oder Donna Haraway in ihrem Konzept des situierten Wissens) seien es die Prozesse der Wechselwirkungen, durch die sich weltliche Phänomene erst realisieren. Es gibt im baradschen Sinne also keine ,Dinge‘ an sich, keine abgrenzbaren ontologischen Entitäten mit inhärenten Eigenschaften. Stattdessen materialisieren sich Phänomene erst durch dynamische Intra-Aktionen, in denen Diskurse und bedeutungsgenerierende Tätigkeiten, technische Apparaturen, Subjekte und materielle Komponenten beteiligt und verwoben sind.“
    Sigrid Schmitz 2014, 284


* Agency lässt sich mit Wirkungs- und Handlungsmacht übersetzen. 
In dem hier verwiesenen Band (2013) findet eine Auseinandersetzung mit Barad's Theorie statt. Das Buch befindet sich im Präsenzbestand des ZAG.
In dem hier verwiesenen Band (2013) findet eine Auseinandersetzung mit Barad's Theorie statt. Das Buch befindet sich im Präsenzbestand des ZAG.
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Kulturkolonialismus

In diesem vorläufig abschließenden Part befassen wir uns damit, inwiefern wissenschaftliche Epistemologien und vor allem auch damit verbundene westliche Geschlechtervorstellungen durch koloniale Praktiken weltweit expandiert sind. Welche alternativen Epistemologien – etwa die Schwarzer Feminist*innen – lassen sich dem gegenüber formulieren? Wie können/sollten wir unsere eigenen Verstrickungen in hegemoniale Epistemologien als weiße Men-schen, die an der Universität lernen und lehren, reflektieren?

Literatur
Nikita Dhawan und María do Mar Castro Varela (2019) Kulturkolonialismus und postkoloniale Kritik: Perspektiven der Geschlechterforschung, in: Beate Kortendiek, Birgit Riegraf, KatjaSabisch (Hrsg.) Geschlecht und Gesellschaft, Wiesbaden: Springer Fachmedien, 1–10.

Patricia Hill Collins (1993) Schwarzer Feminismus. Theorie und Politik afroamerikanischer Frauen. Aus dem US-Amerikanischen Englisch von Barbara Vogt, Berlin: Orlanda Frauenverlag, 9–52.
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Nikita Dhawan
Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Dresden. Zuvor hatte sie diverse Professuren der Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Gender Studies, Globale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Demokratie, Dekolonisierung, postkolonial-queer-feministische Ideengeschichte inne.
María do Mar Castro Varela
Professorin für Soziale Arbeit und Allgemeine Pädagogik an der Alice-Solomon-Hochschule Berlin. Schwerpunkte: Postkoloniale Theorien, Rassismus- und Antisemitismusforschung, Kritische Migrationsforschung, Verschwörungstheorien, Gender und Queer Studies.

Der hier verlinkte Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung führt in das Werk des Pioniers der postkolonialen Theorien Edward Said ein. Damit vertieft der Podcast den Begriff des 'Orientalismus', der auch in dem Handbuchartikel von Dhawan/Varela eine Rolle spielt. María do Mar Castro Varela kommt am Ende des Podcasts in der Diskussion zu Wort.
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tl;dr #5: Edward Said: «Orientalismus» mit María do Mar Castro Varela

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Wie bei Karen Barad wird auch in diesem Kontext kritisch die Frage der Repräsentation gestellt: Wer repräsentiert wen und wie? Repräsentationskritik schließt an der zu Beginn der Pageflow adressierten Subjektkritk an.

Dhawan/Varela schreiben: „Poststrukturalistische Herangehensweisen haben die Kritik an westlichen Epistemologien angeregt und zum Verstehen eurozentrischer Gewalt beigetragen, indem sie u. a. die Gewaltförmigkeit von Sprache, Diskursen und Repräsentationspolitiken skizzieren halfen und, wichtiger noch, das Projekt der Aufklärung kritisch hinterfragten.“
    Dhawan und Varela 2019, 2

„Die Gewalt an Frauen und ihre Unterdrückung in den kolonisiertenTerritorien stellen bereits zu Beginn der Kolonisierung eine wichtige Legitimation für die Etablierung imperialistischer Herrschaften dar.“
   
Dhawan und Varela 2019, 1
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„Die Bevölkerungen der kolonialen Territorien wurden von den europäischen Kolonialmächten als barbarisch und rückständig dargestellt und so nicht nur ihre kulturellen Praxen herabgesetzt, sondern zudem ihr Wissen disqualifiziert. Und wichtiger noch: Es wurde ihnen abgesprochen, sich selbst regieren zu können, womit die Durchsetzung kolonialer Gesetzgebungen und Regierungs- wie auch normativer Alltagspraxen gerechtfertigt wurde. Unter Einsatz von List und Gewalt wurde den Kolonisierten innerhalb eines komplexen und langwierigen Prozesses Schritt fürSchritt eine neue Identität aufgezwungen.“
    Dhawan und Varela 2019, 2

„Zudem haben postkoloniale Queer-Feministinnen aufgezeigt, dass der Orient für Europa als ein Ort verbotener sexueller Praxen imaginiert wurde. Nicht zufällig wurde die koloniale Eroberung als Vergewaltigung fantasiert, bei der der Orient als vom männlichen Westen ‚penetrierte Frau‘ beschrieben wurde. Kolonien waren, wie McClintock pointiert bemerkt, ‚porno-tropics‘ (1995, S. 22) für die europäische Imagination: Verbotene sexuelle Fantasien und auch Ängste konnten aufgrund der imperialistischen Expansion auf die ‚Tropen‘ verlegt und ausgelebt werden.“
    Dhawan und Varela 2019, 6

Ihren Aufsatz beenden Nikita Dhawan und María do Mar Castro Varela mit der Mahnung: „Erstrebenswert ist nicht eine unkritisch formulierte ‚globale Schwesternschaft‘ (kritisch hierzu Spivak 2007), sondern eine genaue Analyse historisch gewachsener globaler und sozialer Ungerechtigkeiten sowie die permanente (Neu-)Auslotung der (Un-)Möglichkeit für transnationale Solidarität.“
    Dhawan und Varela 2019, 9

Ein Satz, der den kommenden Part dieser Pageflow zum Schwarzen Feminismus sehr gut einleitet und rahmt.
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Patricia Hill Collins ist eine US-amerikanische Soziologin. Sie hatte die 100. Präsidentschaft der American Sociological Association inne und forscht und publiziert überwiegend zur sozialen Stellung afro-amerikanischer Frauen. Ihr Buch Black feminist thought (1990) gilt als Standardwerk des Schwarzen Feminismus. Das hier verlinkte Video lässt verschiedene Black Women zu Wort kommen, welche Bedeutung für sie die Black Feminist Epistemology und damit die Arbeit von Patricia Hill Collins hat.

Patricia Hill Collins wird auch als eine Vertreter*in der Standpunkttheorie verstanden, da sie dezidiert auf das situierte Wissen von Women of Color verweist. Bevor wir uns nun also dem zuwenden, wie Patricia Hill Collins eine afrozentrische feministische Epistemologie beschreibt, die sie entgegen  einem eurozentrischen maskulistischen Verfahren der Erkenntnisvalidierung formuliert, hier ein kurzer Exkurs zum Thema 'Standpunkttheorien'.


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Black Feminist Epistemology, 2022

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Exkurs Standpunkttheorien

Standpunkttheorien „verweisen auf die Perspektiven und (Ohn-) Machtpositionen, die sich aus einem bestimmten (historischen, kulturellen und vergeschlechtlichten) Standpunkt heraus ergeben. Strukturen, Verhaltensweisen, ein doing gender, das weiße westliche Männer der Mittelklasse selbstverständlich ausgestalten, erweisen sich für Frauen, ethnische Minderheiten oder Menschen anderer Schichten hauptsächlich als problematisch. In feministischen Standpunkttheorien wird darüber reflektiert, wie unterschiedliche Menschen an der Entwicklung von wissenschaftlichen Epistemologien teilhaben können. Über Barrieren und mögliche Überwindungsstrategien wird nachgedacht: auf struktureller, symbolischer und individueller Ebene. Patricia Hill Collins sensibilisiert in diesem Zusammenhang seitens der Women of Color für Machtpolitiken in der Produktion von Wissen und ‚Wahrheit’.“

Von einer starken Objektivität
„sprechen Theoretiker_innen der Feminist Science and Technology Studies (FSTS), wenn Forschende die vermeintliche Neutralität, das heißt Objektivität ihres Standpunktes, nicht unhinterfragt behaupten. Erkenntnis ist immer schon abhängig vom Subjekt, das forscht. Deswegen unterscheiden die beiden Naturwissenschaftstheoretikerinnen Sandra Harding und Donna J. Haraway zwischen Positionen einer schwachen und einer starken Objektivität. Schwach ist die Objektivität, wenn die eigene Subjektposition – der male bias der Wissensproduktion – nicht reflektiert, stark, wenn sie mitbedacht wird. Marginalisierte Personen sind danach eher dazu befähigt, eine starke Objektivität voranzutreiben, da sie den ‘god-trick‘ (Haraway) vermeintlicher Objektivität hinterfragen. Harding spricht in diesem Sinne von einer ‘strong objectivity’, Haraway von einem ’situated knowledge‘.“

    Marion Mangelsdorf (2019) Handreichung zum BMBF-Projekt Gendering MINT. Vernetzung und Austausch von Gender-Perspektiven in den Natur- und Technikwissenschaften, Freiburg, 10.



Weiterführende Literatur
Sandra Harding (2004) The Feminist Standpoint Theory Reader Intellectual and Political Controversies, New York/London: Routledge. 
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„Die Bedeutung Schwarzen feministischen Denkens geht weit darüber hinaus aufzuzeigen, daß Schwarze Frauen unabhängiges Fachwissen produzieren können. Dieses Denken ist vielmehr in der Lage, die kollektive Identität zu stärken, indem es Schwarzen Frauen eine andere Sichtweise ihrer selbst und ihrer Welt bietet als die der etablierten sozialen Ordnung."
    Patricia Hill Collins 1993, 21


Im Sinne einer solchen Standpunkttheorie ds Schwarzen Feminismus setzt Patricia Hill Collins folgende vier Grundsätze gegenüber:

1. Grundsatz eurozentrischen maskulistischen Verfahren der Erkenntnisvalidierung:
Distanziertheit der Forschenden vom‚Objekt‘ der Untersuchung.
    Patricia Hill Collins 1993, 24

Dem gegenüber steht in einer afrozentrischen feministischen Epistemologie:
Schwarze Frauen berufen sich „auf konkrete Erfahrung als Glaubwürdigkeitskriterium, wenn sie Behauptungen äußern.“
    Patricia Hill Collins 1993, 28
„Indem afrikanisch-amerikanische Frauen auf das Konkrete Wert legen, berufen sie sich … nicht nur auf eine afrozentrische Tradition, sondern ebenso auf eine Frauentradition.“
    Patricia Hill Collins 1993, 302

2. Grundsatz eurozentrischen maskulistischen Verfahren der Erkenntnisvalidierung:
Abwesenheit von Emotionen
im Forschungsprozeß. 
    Patricia Hill Collins 1993, 24

Dem gegenüber steht in einer afrozentrischen feministischen Epistemologie:
Die Praxis des Dialogs, die tief in der oralen Tradition der afrikanisch-amerikanischen Kultur steht.
    Patricia Hill Collins 1993, 32
„Viele intellektuelle Schwarze Frauen berufen sich auf die Beziehungen und die Verbundenheit, die der Dialog bietet.“
    Patricia Hill Collins 1993, 33

3. Grundsatz eurozentrischen maskulistischen Verfahren der Erkenntnisvalidierung:
Negierung von Ethik und Werten im Forschungsprozeß.
    Patricia Hill Collins 1993, 24

Dem gegenüber steht in einer afrozentrischen feministischen Epistemologie: Eine Ethik der Anteilnahme. Diese fordert, „daß bei der Validierung von Erkenntnissen persönliche Expressivität, Emotionen und Empathie im Mittelpunkt stehen. (…) Gefühle zeigen, daß Sprechende an die Gültigkeit eines Arguments glauben.“
    Patricia Hill Collins 1993, 354.

4. Grundsatz eurozentrischen maskulistischen Verfahren der Erkenntnisvalidierung:
Streitgespräche
gelten als bevorzugte Methode zur Ermittlung der Wahrheit.
    Patricia Hill Collins1993, 24

Dem gegenüber steht in einer afrozentrischen feministischen Epistemologie:
Die Ethik der persönlichen Verantwortlichkeit. „Menschen sollen ihre Erkenntnisse nicht nur im Dialog entwickeln und so vortragen, daß ihr Beteiligtsein an ihren Gedanken spürbar wird, sondern es wird darüber hinaus erwartet, daß sie für ihre Wissensbehauptungen Verantwortung übernehmen.“
    Patricia Hill Collins 1993, 38


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Impressum

Diese Pageflow wurde von © Mari'on Mangelsdorf, Wissenschaftliche Geschäftsführer'in des Zentrums für Anthropologie und Gender Studies (ZAG), Fachvertreter'in und Dozentin des Masterstudiengangs Gender Studies ausgestaltet. Anregungen, Kritik und Ideen von Studierenden der Gender Studies sind in die Pageflow mit eingeflossen. 
Die Sammlung versteht sich als work-in-progress und wird stets weiter aktualisiert.

            Freiburg 8. Februar 2016


Bildnachweis

Alle Fotos wurden unter iStock heruntergeladen. Weitere Rechte werden im Folgenden kapitelweise angegeben:
  • Call-in-Culture: © melitas & nadia_bormotova 
  • Subjekt- & Identitätskritik: © Viktoriia Miroshnikova
  • Männlichkeit – Weiblichkeit?: © Alina Kotliar & melitas
  • Geschlecht als Kontinuum: © Viktoriia Miroshnikova
  • Posthumane Performativität: © Deni Prasetya; Teilchen/Welle-Figur: © Julie Peters und Wyn Tiedmers (die Figur ist ein Auschnitt aus einem Grafic Recording, das im Rahmen eines Freiburger Workshops mit der Physiker*in und STS-Forscher*in Prof. Dr'*in Helene Götschel stattfand. Dieser Workshop war Part des BMBF-Projekts Gendering MINT)
  • Kulturkolonialismus: © Tharun15
  • Impressum: © melitas



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